5. November 2018

WIE MACHT MAN WIR? - Ausstellung von acht ehemaligen Studierenden der Malklasse von Ludger Gerdes an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel

mit Werken von Johanna Broziat, Daniel Hörner, Lennart Holzborn, Marlies Kuhn, Ju Hyun Lee, Maike Mastaglio, Benjamin Mastaglio, Philipp Röhe Hansen Schlichting und Ludger Gerdes

Eröffnung: Freitag, 16. November 2018, 18 Uhr im Künstlerarchiv, Auf der Insel 1, Brauweiler

 „Wie macht man wir?“ ist die zentrale Frage in einem Entwurf von Ludger Gerdes (1954-2008) für ein Wandbild am Campus der FH Kiel aus dem Jahr 1994. Gerdes fragt mit der Kernzeile nach einer Anleitung, eine mit dem Wort „Wir“ umschriebene Gemeinschaft selbst mitzugestalten. Ergänzt durch die Schriftzeile „Wie braucht man wir?“ stellen sich Fragen nach Vorhandensein und Notwendigkeit einer solchen Gemeinschaft – eine Frage, die heute gesellschaftspolitisch aktueller denn je erscheint. In seinen Kunstwerken und Schriften beschrieb Ludger Gerdes eine der wesentlichen Aufgaben von Kunst damit, urbanen Raum zu gestalten, um Anreize für öffentliche Kommunikation zu bieten. Schlüsselwörter, Fragewörter und vermeintliche Erläuterungen verdeutlichen seine kontinuierlich kritische Reflexion über das Zusammenspiel von zeitgenössischer Kunst, Ausstellungssituation und Betrachter-Rolle.

Als 2018 auf dem Campus der Fachhochschule Kiel der im Archiv bewahrte Entwurf von Ludger Gerdes für das Wandbild „Wie macht man wir?“ umgesetzt wurde, war mit Philipp Röhe Hansen Schlichting ein Gerdes-Student aus der Zeit 2005-2008 an der Ausführung beteiligt. Ihn und seine ehemaligen Kommilitonen regte die Beschäftigung mit der Frage „Wie macht man wir?“ zu jeweils eigenen Arbeiten an. In den dabei entstandenen Werken gehen sie, teils mit direktem Bezug auf die persönliche Gemeinschafts-Erfahrung in der Klasse, der Frage des Lehrers nach. Sie schaffen eigenständige Werke, die mal autonom, mal raumbezogen, auch zehn Jahre nach dem Tod ihres Lehrers von einem starken „Wir-Gefühl“ zeugen.

Ohne Ludger Gerdes findet die aktuelle Ausstellung im Künstlerarchiv statt. Das Wort „ohne“ wird sinnig in Form einer Neoninstallation des Künstlers in die Schau integriert. Sie entstand 1990 in der Wendezeit und wurde im Rahmen der 1993er-Ausstellung „Deutschsein“ in der Kunsthalle Kiel zusammen mit den Wortskulpturen „Angst“, „Nie“ und „Ichs“ unter dem Leitmotiv „Wie macht man wir?“ ausgestellt. Alle Begriffe passten damals wie heute zur Suche nach sinnvollen Formen gelebter Gemeinschaft.

Vor allem seine öffentlichen Platzgestaltungen boten Gerdes Möglichkeiten, ästhetische Anreize als Anlass zum Diskurs zu erarbeiten. „Er strebt dabei nach einer Kunst, die ihre Funktion als Dialogpartner sowohl für die architektonische Gestaltung wie auch für die Kommunikation der Bevölkerung (zurück) erhält.“ (Dietmar Elger, Ludger Gerdes, Hannover, 2000, S. 12.) Der ebenfalls als Holzmodell ausgestellte „Trekker“ von 1987, der als metallenes Original vor dem Folkwang Museum in Essen steht, genauso wie ein nicht realisiertes Modell „Unruhe“, das er für eine Lübecker Platzgestaltung einreichte, haben und hätten diesen Anspruch sicherlich erfüllt.

Die von Gerdes wiederholt in Werken aufgestellten Grundbegriffe „Ichs – Können – Dürfen – Sollen – Wollen - Müssen – Sterben“ prangen als Neoninstallation an der Fassade des Künstlerarchivs. Ursprünglich hatte der Künstler diese 1991 für den Utrechter Stadtraum entworfen. Gerne griff er den Kreislauf aus gewählter und vorgegebener Gestaltung des Lebens in seinen Arbeiten auf. Utrecht schenkte die Installation im Frühsommer des Jahres dem Archiv. Studierende des Instituts für Restaurierung und Konservierung (CICS) der TH Köln halfen, das Werk im Rahmen eines Studienprojekts unter der Leitung von Prof. Gunnar Heydenreich wieder ausstellbar zu machen.

Für die Ausstellung ausgewählt wurde von den beteiligten Künstler*innen neben Zeichnungen und Gemälden von Ludger Gerdes auch ein Triptychon von 2008. In „Bretter I“ überlagern sich malerisch mehrere Ebenen. Durch die Dreiteilung der Fläche wirkt das Bild nicht nur gemalt, sondern auch gebaut. Der Titel verweist auf Figürlichkeit, in Wahrheit wirken die perspektivisch angelegten farbigen Bretterformen zwar tiefen-scharf, aber doch eher abstrakt. Es verknüpft Elemente klarer Formen mit undefinierter Fläche und tiefgründigen Passagen mit stumpfer Oberfläche. Das Aufzeigen der vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten des Künstlers und der Betrachtungsoptionen zeichnet die Malerei wie das gesamte Werk von Ludger Gerdes aus. 

Download: Langtext zur Ausstellung WIE MACHT MAN WIR? (PDF)

 

Laufzeit: 16. November bis 20. Dezember 2018

Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind dienstags bis donnerstags von 10 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr und auf Anfrage.

 

Das Archiv für Künstlernachlässe wird gefördert von der VG Bild-Kunst, dem LVR und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

 

Abbildung: Ludger Gerdes, Entwurf Wandbild Kiel, 1994, Mischtechnik auf Papier, Foto: Stiftung Kunstfonds, © VG Bild-Kunst