Floris M. Neusüss (1937 Remscheid-Lennep - 2020 Kassel) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der experimentellen Fotografie in Deutschland.

Seit den frühen 1960er Jahren setzte er sich mit Fotogrammen auseinander – einem kameralosen Gestaltungsmittel, das mittels direkter Belichtung von lichtempfindlichem Papier die Formgebung aufgelegter Objekte auf dem zweidimensionalen Bildträger nachzeichnet. Im Frühwerk von Neusüss ist es meist der menschliche Körper, dessen Abbildung die Fotogramme bestimmte, es folgten Portraits und großformatige Nachtaufnamen („Nachtstücke“).

„Obwohl das Fotogramm aus dem Stoff gemacht ist, aus dem die Fotos sind, bricht es mit deren Eindeutigkeit und erschließt das Bild einer vielschichtigen, differenzierten Wahrnehmung“, erläuterte der Künstler. Neusüss‘ Bildsprache ist subjektiv-poetisch, dabei von großer analytischer Klarheit. Seine theoretisch reflektierte Auseinandersetzung mit den Mitteln des Fotogramms bezieht sich bewusst auf Traditionen aus der Frühzeit der fotografischen Entwicklung; gleichzeitig galt er in seinem analytischem Ausloten ästhetischer Mittel als bedeutender Erneuerer der kameralosen Fotografie in der zeitgenössischen Bildenden Kunst und schließt kunsthistorisch an Vertreter wie Christian Schad, Man Ray oder László Moholy-Nagy an.

Die ersten Fotogramme von Floris Neusüss entstanden 1954. Ab 1953 studierte er an der Werkkunstschule Wuppertal bei Ernst Oberhoff Malerei, Grafik und Fotografie, von 1958 bis 1960 dann an der Bayerischen Staatslehranstalt in München und von 1960 bis 1962 an der Universität der Künste Berlin bei Heinz Hajek-Halke. 1960 entstanden die ersten Körperfotogramme in Berlin. Seit Mitte der 1960er Jahre bis zu seiner Emeritierung 2002 war Floris Neusüss in der künstlerischen Lehre tätig. Zunächst übernahm er als freier Dozent an der Staatlichen Werkkunsthochschule Kassel 1966 die fotografische Ausbildung. Von 1971-2002 lehrte Neusüss als Professor in der Klasse für experimentelle Fotografie an der Kunstakademie Kassel (heute: Kunsthochschule Kassel als Fachbereich der Universität Kassel). 1985 etablierte er hier den Forschungsschwerpunkt Fotogramme. Bereits 1972 gründete Neusüss das legendäre Fotoforum Kassel als Hochschulgalerie und intensivierte in Ausstellungen und Publikationen die Auseinandersetzung mit konzeptioneller Fotografie. Im gleichen Jahr nahm er an der von Harald Szeemann geleiteten documenta 5 teil.

Über sechzig Jahre dauerte Floris Neusüss‘ theoretische wie praktische Auseinandersetzung mit experimenteller Fotografie und dem Fotogramm, die in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen international gewürdigt wurde und wird. 2019 übergab Floris Neusüss per Vorlass einen Querschnitt der Schaffensjahre seit den frühen 1960er Jahren an das Archiv für Künstlernachlässe.