16. November bis 20. Dezember 2018

 

Ausstellung von acht ehemaligen Studierenden der Malklasse von Ludger Gerdes an der Muthesius Kunsthochschule, Kiel mit Werken von Johanna Broziat, Daniel Hörner, Lennart Holzborn, Marlies Kuhn, Ju Hyun Lee, Maike Mastaglio, Benjamin Mastaglio, Philipp Röhe Hansen Schlichting und Ludger Gerdes

Ausstellungsansicht mit Werken von Benjamin Mastaglio und Ludger Gerdes, Foto: Stiftung Kunstfonds

„Wie macht man wir?“ ist die zentrale Frage in einem Entwurf von Ludger Gerdes (1954-2008) für ein Wandbild am Campus der FH Kiel aus dem Jahr 1994. Gerdes fragt mit der Kernzeile nach einer Anleitung, eine mit dem Wort „Wir“ umschriebene Gemeinschaft mitzugestalten. Ergänzt durch die Schriftzeile „Wie braucht man wir?“ stellen sich Fragen nach Vorhandensein und Notwendigkeit einer solchen Gemeinschaft – eine Frage, die heute gesellschaftspolitisch aktueller denn je erscheint. In seinen Kunstwerken und Schriften beschrieb Ludger Gerdes eine der wesentlichen Aufgaben von Kunst damit, urbanen Raum zu gestalten, um Anreize für öffentliche Kommunikation zu bieten. Schlüsselwörter, Fragewörter und vermeintliche Erläuterungen verdeutlichen seine kontinuierlich kritische Reflexion über das Zusammenspiel von zeitgenössischer Kunst, Ausstellungssituation und Betrachter-Rolle.

Als 2018 auf dem Campus der Fachhochschule Kiel der im Archiv bewahrte Entwurf von Ludger Gerdes für das Wandbild „Wie macht man wir?“ umgesetzt wurde, war mit Philipp Röhe Hansen Schlichting ein Gerdes-Student aus der Zeit 2005-2008 an der Ausführung beteiligt. Ihn und seine ehemaligen Kommilitonen regte die Beschäftigung mit der Frage „Wie macht man wir?“ zu jeweils eigenen Arbeiten für die aktuelle Ausstellung im Archiv an. In den dabei entstandenen Werken gehen sie, teils mit direktem Bezug auf die persönliche Gemeinschafts-Erfahrung in der Klasse, der Frage des Lehrers nach. Sie schaffen eigenständige Werke, die mal autonom, mal raumbezogen, auch zehn Jahre nach dem Tod ihres Lehrers von einem starken „Wir-Gefühl“ zeugen.

Ausstellungsansicht mit Werken von Ludger Gerdes und Philipp Röhe Hansen Schlichting, Foto: Stiftung Kunstfonds

Ohne Ludger Gerdes findet die aktuelle Ausstellung im Künstlerarchiv statt. Das Wort „ohne“ wird sinnig in Form einer Neoninstallation des Künstlers in die Schau integriert. Es entstand 1990 in der Wendezeit und wurde im Rahmen der 1993er Ausstellung „Deutschsein“ in der Kunsthalle Kiel zusammen mit den Wortskulpturen „Angst“, „Nie“ und „Ichs“ unter dem Leitmotiv „Wie macht man wir?“ vom Künstler ausgestellt. Alle Begriffe passten damals wie heute zur Suche nach sinnvollen Formen gelebter Gemeinschaft.

Vor allem öffentlichen Platzgestaltungen boten Gerdes Möglichkeiten, ästhetische Anreize als Anlass zum Diskurs zu erarbeiten. „Er strebt dabei nach einer Kunst, die ihre Funktion als Dialogpartner sowohl für die architektonische Gestaltung wie auch für die Kommunikation der Bevölkerung (zurück) erhält.“ (Dietmar Elger, Ludger Gerdes, Hannover, 2000, S. 12). Der ebenfalls als Holzmodell ausgestellte „Trekker“ von 1987, der als metallenes Original vor dem Museum Folkwang in Essen steht, genauso wie ein nicht realisiertes Modell „Unruhe“, das für eine Lübecker Platzgestaltung von ihm eingereicht wurde, haben und hätten diesen Anspruch sicherlich erfüllt.

Ausstellungsansicht mit Werken von Daniel Hörner, Lennart Holzborn und Ludger Gerdes, Foto: Stiftung Kunstfonds

Die von Gerdes wiederholt in Werken aufgestellten Grundbegriffe „Ichs – Können – Dürfen - Sollen – Wollen - Müssen – Sterben“ prangen als Neoninstallation an der Fassade des Archivs. Ursprünglich hatte der Künstler diese 1991 für den Utrechter Stadtraum entworfen. Gerdes griff den Kreislauf aus gewählter und vorgegebener Gestaltung des Lebens in seinen Arbeiten wiederholt auf. Utrecht schenkte die Installation im Frühsommer des Jahres dem Archiv. Studierende des Instituts für Restaurierung und Konservierung (CICS) der TH Köln halfen, das Werk im Rahmen eines Studienprojekts unter der Leitung von Prof. Gunnar Heydenreich wieder ausstellbar zu machen.

Für die Ausstellung ausgewählt wurde von den beteiligten Künstler*innen neben Zeichnungen und Skulpturen auch Gemälde von Ludger Gerdes, in denen sich gemalte Ebenen überlagern, dass sie wie gebaut wirken. Scheinbar figürliche Passagen treffen auf abstrakte Flächen, klar gestaltete Formen auf undefinierte Flächen und tiefgründige Passagen auf stumpfe Oberflächen. Das Aufzeigen vielfältiger Gestaltungsmöglichkeiten und  Betrachtungsoptionen zeichnet die Malerei wie das gesamte Werk von Ludger Gerdes aus. 

Ausstellungsansicht mit Werk von Johanna Broziat, Foto: Stiftung Kunstfonds

Johanna Broziat (geb. 1982 in Lübeck, lebt und arbeitet in Karlsruhe) begann ihre räumlichen Anordnungen als Versuche über Beobachtungen von Kompositionsprinzipien: Ihr fiel auf, dass statische Gesichtspunkte auf dem Papier und im Raum bestimmend sind. Hier wie dort kann etwas kippen. Um dem auf den Grund zu gehen, verwendet sie eine bestimmte Anzahl von Holzteilen, die sie je nach Raum anordnet. Ein leicht kippendes Objekt wird aufgefangen und gestützt, Elemente miteinander verwoben, Kräfte genutzt. Die Anordnungen bestehen aus ineinander verkeilten Lattengerüsten und lehnenden Holzplatten. Alle wirkenden Kräfte sollen stabilisierend wirken. In der Anordnung „Diorama Para Para“ ist die Nische, in der die Arbeit steht, als Resonanzraum Teil der Anordnung. Ihre Ausmaße bestimmen die Maße des Gerüsts, ihre Wände bilden die Begrenzung und reflektieren die farbigen Rückseiten der Holzbretter, die so erst wahrnehmbar werden. Auch die schwarzen Dachlatten sind sowohl stützendes Gerüst als auch grafisch-rhythmisierendes Element. Es entsteht ein Raumbild, in dem Funktion und Komposition eine Einheit bilden.

Lennart Holzborn (geb. 1977 in Essen, lebt und arbeitet in Kiel) schafft seine Gemälde, indem er jeweils zwei "fertige" Bilder gleichen Formats zusammen klebt und nach einigen Tagen wieder auseinander reißt, so dass Farbschichten abgetrennt und von einem Gemälde auf das andere über- oder auch verloren gehen. Die so behandelten Bilder bemalt er weiter bis zum Abschluss der letztendlichen Bildfindung. Jedes Bild entspringt einem anderen Bild, Ideen werden zerschlagen und wieder neu aufgenommen. Am Ende entstehen poetisch abstrakte Kompositionen, in denen Altbekanntes aufzutauchen scheint, sich neu formuliert und/oder wieder entschwindet.

Ausstellungsansicht mit Werken von Ludger Gerdes und Daniel Hörner, Foto: Stiftung Kunstfonds

Daniel Hörner (geb. 1978 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Hamburg) zeigt abstrakte Malerei. Die konstruktiven Strukturen seiner Bilder wirken aus der Ferne betrachtet wie streng geometrische Kompositionen, entfalten bei Nahsicht aber ihre eindrucksvolle Poesie durch einen handgeführten Farbauftrag, gezeichnete Lineaturen aus Tinte und Ausblicke auf die freie Leinwandfläche als Malgrund.

Ju Hyun Lees (geb. 1978 in Andong / Südkorea, lebt und arbeitet in Kiel) Malerei setzt sich mit dem klassischen Portrait auseinander. Ausgangspunkt sind gefundene Gesichter in diversen Medien, dem privatem Umfeld (auch das eigene Gesicht und der Spiegel gegenüber) sowie bekannte Gesichter der Kunstgeschichte. Die vorgefundenen Portraits werden in sich in verschiedenen Farbschichten zu einer neuen Identität verschmolzen.

Ausstellungsansicht, Foto: Stiftung Kunstfonds

Marlies Kuhn (geb. 1978 in Schwerin, lebt und arbeitet in Kiel) bezeichnet sich als Malerin, auch dann, wenn sie mit Holz und Leim fragile Skulpturen schafft, oder mit Graphit, Tinte, Filzstiften oder Aquarellfarbe auf Papier zeichnet. Ihre ausgestellten Aquarelle greifen die Zwiespältigkeit des Materiellen in der Transparenz auf, um durch Überlagerungen verschiedener Farbschichten diese zu hinterfragen. Innerhalb dieses Werkes gibt es Grundtypen von Elementanordnungen, die immer wieder reproduziert werden. Es entstehen daraus Arbeitsreihen, in denen das einzelne Aquarell - als Frame gedacht - die Rolle des Bausteins eines fiktiv gespannten Brückenbogens annimmt.

Eine Gerade kann man nur auf eine Art ziehen, eine Kurve auf unzählige Arten. Damit entspricht die Kurve formal dem Nuancenreichtum der Farbe. Benjamin Mastaglio (geb. 1982 in Eckernförde, lebt und arbeitet in Kiel)  erarbeitet in diesem doppelten Möglichkeitsfeld Kompositionen aus geschwungenen Formen und monochromen Farben, in denen die einzelnen Elemente eine Vielzahl von Beziehungen unterhalten. Diese Bezugnahmen der Elemente untereinander stufen sich ihrerseits fein ab zwischen Differenz und Verbundenheit. Form und Farbe spielen dabei gerne in entgegengesetzter Richtung. Eine Kurve oder die annähernde Wiederholung einer Kurve kann verschiedene Farben miteinander verbinden oder gleiche sowie ähnliche Farbtöne und Helligkeitswerte können verschiedene Formen miteinander in Bezug setzen. Über das komplexe Gefüge, das Benjamin Mastaglio durch sensiblen Umgang mit Nuancen erreicht, verdichten sich die Kompositionen zu einer in sich bewegten Einheit.

Ausstellungsansicht mit Werken von Marlies Kuhn, Ludger Gerdes und Maike Mastaglio, Foto: Stiftung Kunstfonds

Maike Mastaglio (geb. 1982 in Kiel, lebt und arbeitet dort) stellt in ihrer Arbeit „An und für ICHS“ 50 Postkarten aus, die sie gerne an Ludger Gerdes geschickt hätte. Der Konjunktiv spielt als Möglichkeitsraum sowie als Unmöglichkeit, eine wichtige Rolle in der Haltung der Arbeit. Die Karten aus Photos, Aquarellen, Scherenschnitten, Collagen, einer Stickerei und einer genähten Karte haben alle einen Bezug zu Gerdes´ Arbeit oder Lehre. Die Zitate darin sind z.B. von Rilke, Benn, Elaine de Kooning, aber auch von Ludger Gerdes selbst. Vieles ist humorvoll und hätte den Zweck, ihm ein Schmunzeln abzuringen. In der Arbeit „An und für ICHS“ thematisiert Maike Mastaglio über das Format der Postkarte die besondere Kommunikationssituation, die in ihren Augen in dieser Ausstellung gegeben ist. Kommunikation ist dabei grundsätzlich als Mittel zum „Wir“ gedacht, so wie es auch die Verwandtschaft der englischen Begriffe „communication“ und „community“ nahelegt. Die Postkarte, die man in diesem Fall auch mit der lateinischen Bedeutung von „Post-“ als „Nachkarte“ verstehen darf, wird in der Gesellschaft meist als sporadischer Gruß verwendet. Im Gegensatz zu Briefen, die immer einen Briefwechsel nahelegen, kann die Postkarte auch unbeantwortet bleiben – was in diesem Fall ja zwangsläufig ist. Es ist dennoch kein „Postkartenmonolog“, da die zahlreichen Arbeiten und Texte von Ludger Gerdes schon die Antworten in sich tragen. Das durchgängige Motiv dieser Arbeit könnte man als „Achse“ oder „Scharnier“ bezeichnen: Ein Aufeinandertreffen, das gleichermaßen Moment der Trennung und Begegnung bzw. Gleichheit und Verschiedenheit ist. Die Achse versinnbildlicht damit den Motor für Kommunikation und lässt sich so auch als Grundmotiv eines aus Kommunikation entstehenden „Wir“ ausmachen. Der Titel der Arbeit ist exemplarisch für ihr Vorgehen in den einzelnen Bildern: „An und für ICHS“ benennt einerseits, dass die Bilder an Ludger Gerdes bzw. sein künstlerisches Ich in Mehrzahl adressiert sind und gewissermaßen eine Hommage darstellen. Andererseits muss man nur einen Buchstaben verschieben (bzw. wie um ein Scharnier drehen), und das allseits bekannte „An und für SICH“ entsteht, das in wörtlicher Bedeutung das Für-sich-Stehen der Arbeit dem Adressiert-Sein entgegenstellt. In sprichwörtlicher Bedeutung lässt das „An und für SICH“, das synonym mit „gewissermaßen“ oder „im Grunde genommen“ verwendet werden kann, den „Formulierungsversuch“ anklingen, der diese Arbeit ist: eine Annäherung.

Ausstellungsansicht, Foto: Stiftung Kunstfonds

Philipp Röhe Hansen Schlichtings (geb. 1981 in Preetz, lebt und arbeitet dort) Portraitreihe „Zur Archäologie der Sinne“ von 2017 besteht aus Fotoleuchtkästen von Personen zwischen 20 und 35 Jahren in jeweils vier Ebenen. Die jeweils hintere Ebene zeigt das Ergebnis eines Morphingprogramms, das aus allen Portraitierten einen Durchschnittstypen berechnet hat, welcher als attraktiver bewertet wird als Portraits mit stark individualisierten Merkmalen. Nach vorne gleichen sich die Ebenen immer mehr dem tatsächlich fotografierten Portrait an, zusätzlich werden Größe und Farbpräferenzen der Person mit aufgenommen. Die Farbtöne entstammen einem 16-teiligen experimentell ermittelten sukzessiven Farbkreis, der - mit bloßem Auge bestimmt um eine imaginäre Mitte, das sogenannte Augengrau, reicht. Den Ausgangspunkt einer Auswahl von Siebdrucken auf Samt aus der Serie Zum Wesen einer Geometrie“ 2013 bildet das komplementäre geometrische Gefüge aus Quadrat und gleichseitigem Dreieck, die man letztlich auf die zwei platonischen Grundformen zurückführen kann (Timaios). Sie beziehen sich auf die Möglichkeit der atomistischen Reduktion auf wenige Grundelemente und –formen, aus denen stets große Formenvielfalt erzeugt werden kann. Zu sehen ist zudem eine skulpturale Wandarbeit aus der Reihe „Colourscapes“ von 2012, in der sich die Bildkörper reliefartig in den Raum schichten. Auf diese Weise können sich Ebenen mit unterschiedlichen Ordnungsarten und wechselwirkenden Ordnungsgraden herausbilden, die strukturidentisch sind und dennoch in sich gegensätzliche Anmutungen haben. Zudem konzentrieren sich die elementarsten Mittel der Malerei – Farbe und Form - hier noch einmal in umgekehrter Weise auf das traditionelle Verhältnis von Körperoberfläche und Raumillusion. Die Farbanlage verflacht und konzentriert die Bildkörper gleichermaßen.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind dienstags bis donnerstags von 10 bis 12 und von 14 – 16 Uhr und auf Anfrage.

Das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds wird gefördert von der VG Bild-Kunst, dem LVR und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.