31. Mai 2017

Reiner Ruthenbeck (1937-2016), Schwarzer Papierhaufen, 1970, ausgestellt im Rahmen der Sammlungspräsentation MMK Frankfurt ab 1.6.2017

Aus einem großen Packen festen schwarzen Papiers ein Kunstwerk namens „Schwarzer Papierhaufen“ von Reiner Ruthenbeck entstehen zu lassen, klingt einfach, bietet aber viele Möglichkeiten und damit zugleich eine große Herausforderung.

Der Künstler hinterließ in seinem 1970 entworfenen Konzept zwar einerseits sehr genaue technische Instruktionen, anderseits im Großen und Ganzen eine eher gefühlte Anleitung zum Aufbau des Werks wie auch zum Umgang mit seiner Kunst allgemein:

„Ich mache einfach Kunst, und dann schaue ich natürlich, wie das bei den Menschen ankommt. Und ich sehe, dass es sehr oft genauso ankommt, wie ich es meine. Die Leute stehen vor meinen Werken, und wenn sie richtig sehen, ist darüber gar nicht mehr viel zu reden. Es gibt Objekte von mir, da ist praktisch nichts zu sehen. Dass man von etwas berührt werden kann, das fast gar nicht da ist, interessiert mich sehr.“ (Interview 2.10.1993 mit Kirsten Voigt im Badischen Tagblatt, abgedruckt in: Reiner Ruthenbeck, Werkverzeichnis, Duisburg, Verlag Walther König, Köln 2008, S. 20ff)

Das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds bewahrt neben zahlreichen Werken Ruthenbecks aus allen Phasen seines Schaffens auch die Konzepte des Künstlers und bemüht sich um möglichst authentische Umsetzungen seiner künstlerischen Ideen. Eine Masterarbeit im Fach Restaurierung, die durch das Künstlerarchiv in Kooperation mit der TH Köln 2012 entstand, definierte auf penible Art und Weise Fadendicke, Nahtverläufe und mögliche Farbnummern der vorher schlicht als „dunkelroter Stoff“ vom Künstler beschriebenen Werkserie. Das Unterfangen einer präzisen Formulierung seiner Konzepte gestaltete sich für Reiner Ruthenbeck als zwiespältig. Sich festlegen zu lassen auf technische Umschreibungen entsprach nicht dem, was seine Werke beim Betrachter als eher empfundene Wahrnehmung auslösen sollten. Einmal durchformuliert können die fixierten Angaben jedoch auf Dauer sicherstellen, dass Ruthenbecks Installationsanleitungen richtig verstanden werden und auf andere Werke des Künstlers mit ähnlicher Intention und Materialität übertragbar sind.

Nach Übergabe von Reiner Ruthenbecks Werke erreichten das Archiv für Künstlernachlässe schnell zahlreiche nationale und internationale Leihgesuche, die zunächst noch zusammen  mit dem Künstler und im Sinne einer nachhaltigen öffentlichen Sichtbarmachung seiner Kunst erfüllt wurden. Die ersten Papierhaufen - schwarze wie weiße - hat das Archiv im Sommer 2014 in einer großen Einzelausstellung im Maison de la Culture in Amiens in enger Absprache mit dem Künstler installiert. Neben einer unerwartet sportlichen Komponente angesichts der soliden Sperrigkeit des festen Papiers enthält bereits der Aufbau einen kontemplativen Anteil, den zu transportieren dann gelingt, wenn die fertige Installation als perfekt gesehen und in dergleichen Weise empfunden werden kann. Reiner Ruthenbeck gefielen die Art der Knülle und die Gesamtform der Papierhäufelung, zu denen es überraschend viele Möglichkeiten der Ausführung und insbesondere einer falschverstandenen Umsetzung der Künstleridee gibt. Fortan engagierte Ruthenbeck das Archiv auch zum Papierhaufenaufbau 2014 in der Serpentine Gallery in London, wo in einer großen Einzelausstellung zahlreiche Leihgaben aus dem Künstlerarchiv und aus anderen Sammlungen zu sehen waren. Seine Witwe Erika Ruthenbeck verlängerte nach seinem Tod diesen ehrenhaften Auftrag, indem sie bei aktueller Anfrage des MMK erneut das Archiv zum Aufbau einwarb.

Reiner Ruthenbeck studierte nach einer Fotografenlehre und mehreren Jahren freier fotografischer Tätigkeit von 1962 bis 1968 Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys. Nach einer Gastdozentur an der Hochschule für Künste in Hamburg war er ab 1980 bis 2000 Professor an der Kunstakademie Münster. Reiner Ruthenbecks Kunst wurde durch die verschiedenen Schaffensphasen hinweg zunehmend minimalistischer, konzeptueller und vielschichtiger. Zu Fotografien und Zeichnungen kamen Plastiken, Installationen und Soundskulpturen hinzu. Häufig verwendete er Alltagsgegenstände und -materialien wie Stoff, Asche, Metall oder Papier, aber auch Möbelstücke und Accessoires. Diese arrangierte er in präzise ausbalancierten und teils raumgreifenden Installationen häufig auf der Basis von farblichen oder materialbezogenen Gegensatzpaaren. Seine Werke sind in zahlreichen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten und er zählt zu den wichtigsten Bildhauern deutscher Gegenwartskunst. 

 

Nähere Informationen: www.mmk-frankfurt.de