21. Februar 2017

Gottesbilder – Menschenbilder | Leihgaben aus dem Archiv für Künstlernachlässe zur Fastenzeit-Ausstellung in der Katholischen Kirche St. Kilian, Erftstadt-Lechenich

05.03. – 09.04.2017 || Vier ganz unterschiedliche, teils raumgreifende Künstlerpositionen von Renate Anger, Horst Egon Kalinowski, Peter Vogt und Andreas von Weizsäcker zeigt die Katholische Kirche St. Kilian in Erftstadt-Lechenich in ihrer aktuellen Ausstellung zur Fastenzeit unter dem Thema Gottesbilder – Menschenbilder im Kircheninneren.

"Du sollst Dir kein Abbild machen" heißt es im Begleitheft zur ausgestellten Installation "Tagewerke", 2003 von Renate Anger (1943-2008) nach einem Zitat aus dem zweiten Buch Mose (Exodus 20,4). Über das biblische Bilderverbot hinaus, auf Abbildungen von Gott und Menschen zu verzichten, führt Renate Anger die Aussage ihrer Werke auf den raumgreifenden Tuchbahnen noch hinaus. Sie chiffriert zentrale Aussagen der Weltreligionen Christentum, Islam und Hinduismus.
Angeregt von einem Ikonenmalkurs erstellte Renate Anger 2002 ein Alphabet aus Farbpunkten, in denen sie die Buchstaben jeweils mit einem zugewiesenen Farbton als gemalten Punkt ausführt und wie Schrift von oben links nach unten rechts in Lesrichtung verlaufen lässt. Größe der Punkte, Textvorlagen und Gestaltungsdichte auf dem Malträger variieren je nach Tagesverfassung der Künstlerin, weshalb sie ihre 5-teilige Serie mit „Tagewerke“ betitelte. Statt klar lesbarer Aussagen bedient sie sich einer Farbmalerei  und wandelt die Buchstaben der Textvorlagen nach einem von ihr festgelegten System in Farbpunkte um, welche jeweils ein Schriftzeichen ersetzen. Entstanden sind transparente Fahnen, die um den Begriff der Liebe kreisen, dem Gefühl, das über das Verständnis von Text, Sprache und Religionszugehörigkeit hinaus Menschen mit Gott und Menschen mit Menschen vereinen kann.

Schon früh experimentierte Horst Egon Kalinowski (1924-2013) mit Kompositionen aus Leder. In einer Art organischem Balance-Akt verbindet er das Leder mit der Stofflichkeit von Holz, Metall und Textilien. Vor allem historische Leder mit ihren Spuren von Benutzung interessieren ihn. Diese nimmt Kalinowski in das Werk auf und überträgt die Patina des Materials auf seine Objekte. Wiederholt erklärte Kalinowski, dass er sich für das Leder interessiert, weil es die menschliche Benutzung genauso aufgenommen hat wie den Charakter einer zweiten Haut, die er suchte, um sich selbst weniger verwundbar zu fühlen. In religiösen Titeln stellte Kalinowski in seinem Oeuvre oft Bezüge zum christlichen Martyrium her, wie in der von einem hölzernen Pfeil gleichsam durchbohrten ledernen Stele "San Sebastian" 1983 oder dem Hügel Golgatha ähnlichen "Planète Morte" von 2003.

Peter Vogts (1944-2013) Darstellung eines abstrahierten Körpers "Ohne Titel (79/26)", 1979 über dem Altar der Kirche erinnert in der expressiven Malweise an traditionelle christliche  Leidensdarstellungen. In der Ausstellung zur Fastenzeit verweist das Bild motivisch am eindeutigsten auf die Umwandlung vom Menschenbild zum Gottesbild zur Osterzeit. In dem gestischen Bild erreicht Peter Vogt einen Spannungsmoment, in dem nicht eindeutig ist, ob der Moment von Leiden und Tod oder Erlösung und Auferstehung gezeigt wird, ob Jesus oder Christus dargestellt ist. In der Balance zwischen Darstellung von Körperlichkeit und Vergeistigung wird das Bild von Peter Vogt zum zentralen Motiv der Fasten-Ausstellung.

Im Werk "Die zwölf Geschworenen" von 1985 typisiert Andreas von Weizsäcker (1956-2008) durch ihre jeweils individuelle Gestaltung über Form und Accessoires 12 hölzerne, schwarz lackierte Stühle. Auch ohne die Darstellung menschlicher Antlitze verweisen die Sitzmöbel auf die abwesenden Menschen. Dem Titel nach sitzen 12 Geschworene als Laien zur Rechtsprechung zusammen und fällen im Abwägen zwischen Recht und Gerechtigkeit ihr Urteil. Der Titel der Installation kann sich auf die "12 Geschworenen" des gleichnamigen 1957er US-Film von Sydney Lumet beziehen. Die Filmfiguren haben über die Schuld eines eingewanderten puerto-ricanischen Jungen am Mord seines Vaters zu befinden und sprechen ihn nach hitzigen Debatten frei. Zunächst aber müssen Vorurteile überkommen, vermeintlich einfache Wahrheiten überprüft und eigene Schuldigkeit hinterfragt werden. In der Fastenzeit, die von vielen Gläubigen im Sakrament der Beichte zum Anlass genommen wird, sich mit eigener Schuldigkeit zu beschäftigen, bietet die Installation des Künstlers ein Psychogramm, in dem der Einzelne sich als Teil eines Systems von Recht und Gerechtigkeit erkennen kann, ohne seine eigene Individualität preiszugeben.

Ausstellung vom 05.03. – 09.04.2017 in der Katholische Kirche St. Kilian in Erftstadt-Lechenich
Eröffnung: 05.03.2017, 12 Uhr

 

Abb: Peter Vogt, Ohne Titel (79/26), 1979, Öl auf Leinwand, 170 x 300 cm, Foto: Stiftung Kunstfonds, copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2017