Reiner Ruthenbeck (1937-2016) studierte nach einer Fotografenlehre und mehreren Jahren freier fotografischer Tätigkeit von 1962 bis 1968 Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys. Nach einer Gastdozentur an der Hochschule für Künste in Hamburg wurde er 1980 als Professor an die Kunstakademie Münster berufen, wo er bis zum Jahr 2000 tätig war.

Mehrfach nahm Ruthenbeck an der documenta in Kassel und der Biennale in Venedig sowie an großen internationalen Ausstellungen teil. 2006 wurde er mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg ausgezeichnet. Der Künstler lebte in Ratingen bei Düsseldorf und hat dem Archiv für Künstlernachlässe Teile seines Werkes bereits als Vorlass anvertraut.

Reiner Ruthenbeck, Rotes Tuch mit Kreuzverspannung, hängend 145, 1976, dunkelroter Stoff, schwarz lackiertes Holz, 145 x 145 x 50 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Ruthenbeck hat im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit eine nahezu unverwechselbare Sprache entwickelt und gehört heute zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Generation. Während der Künstler sich zu Beginn seiner Karriere vor allem auf Fotografie und Zeichnung konzentrierte, wurde ab Ende der 1960er Jahre die Objektkunst wesentlich für seine Arbeit. Ruthenbeck widmete sich vor allem Alltagsphänomenen, was sich z. B. in minimalistischen Objektstudien zu Gebrauchsgegenständen wie Leitern, Tischen oder Stühlen und der Verwendung alltäglicher Materialien wie etwa Stoff, Asche, Metall oder Papier zeigte. Spiegelten seine Arbeiten anfangs eher ein Interesse am Surrealismus, wurden sie mit der Zeit immer minimalistischer, konzeptueller und auch vielschichtiger.

Die bestimmende Kraft im Werk Ruthenbecks sind Polaritäten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Bei der Beschreibung seiner Arbeiten ist die Verwendung von gegensätzlichen Begriffspaaren wie weich/hart, hell/dunkel, leicht/schwer oder entspannt/gespannt nahezu unumgänglich. Der Künstler setzt die starken Gegensätze in Material, Form, Farbe und Balance jedoch auf eine Art und Weise in Beziehung, die ein harmonisches, ruhiges Moment entstehen lässt. Gerade durch die Ergänzung und die perfekte Balance der gegensätzlichen Elemente schafft Ruthenbeck es, seinen Werken eine Stille und Ruhe einzuhauchen, die – so auch der Künstler selbst – fast an Meditationserfahrungen erinnert.

»Ich versuche etwas Schwebendes, ein Gleichgewicht. Ich will die Ruhe aufrechterhalten. Auf Polarität und Einheit lässt sich alles zurückführen, worauf die Schöpfung grundsätzlich aufbaut. Polarität war fast von Anfang an in meiner Arbeit enthalten. Zwei verschiedene Materialien, hart und weich, oder unterstützt durch die Farbe, schwarz und weiß. Das durchzieht so ziemlich mein ganzes Werk. Ich muss mit Polarität arbeiten, weil sie mit Materie verbunden ist, aber mich interessiert die Einheit, nicht die Polarität.«
(Ruthenbeck in Kunstforum International, 180/2006)


Mehr zum Künstler: www.reiner-ruthenbeck.de