September 1997 bis Mai 1998

Eine kugelförmige, milchweiße Lampe schwingt über den Steinboden und bildet im dämmrigen Flur einen diffusen Lichtkreis. Sie hängt an einem schwarzen Kabel, das, aus der etwa fünf Meter hohen Decke abgeleitet, als mechanischer Halt und elektrische Quelle dient. Kein Schildbürgerstreich oder technisches Missgeschick verursachten die ungewöhnliche Position der Leuchte, sondern ein von Künstlerhand arrangierter Eingriff in die Architektur des Hauses. An sich nicht unerwartet – liegt es doch nahe, dass die Besucher in einem „Haus der Kultur“ über Kunst stolpern.

Dieses „Stolpern“ nahmen Maik und Dirk Löbbert nahezu wörtlich. Im Flurbereich des um die Jahrhundertwende errichteten Gebäudes haben die beiden Brüder durch schlichte Kabelverlängerungen die bis dahin völlig unbeachteten Lampen in Szene gesetzt. Die Phalanx der Leuchten, die in regelmäßigem Rhythmus hoch oben an den Decken der langgezogenen Flure schweben, wurde von ihnen auf allen drei Geschossen unterbrochen, indem sie die jeweils zentral plazierte Milchglas-Kugel nach unten zogen. Ein minimaler Eingriff mit maximalen Folgen. Der völlig veränderte Lichtkegel irritiert die Bewohner und Besucher des Hauses, sodass ihre Schritte unsicher werden. Gleichzeitig exponiert die nicht mehr nur zweckdienliche Präsentation nun die reine Form der Lampe – die Kugel. Diese in die Innenarchitektur integrierte geometrische Grundfigur, in sich ruhend und geschlossen, war für die oft mit elementaren Formen jonglierenden Löbberts offensichtlich.

Die unter Kniehöhe gerutschte Lampe, die den Besucher im Erdge­schoß nur leicht stutzen läßt, macht im ersten Stock – wegen der exakten Wiederholung des Eingriffs – neu­gierig auf das nächste Geschoss, und spätestens auf dem letzten Treppen­absatz öffnet sich der Blick über die drei Stockwerke und zeigt eine vertikale Strom-Ader, die scheinbar vom Dach bis zum Keller reicht und die drei Geschosse zu einer Einheit verklammert. Doch der Lampen-Strang bleibt nicht alleiniger Mittelpunkt der Betrachtung, denn das Aufbrechen einer scheinbar belanglosen Reihe von Beleuchtungskörpern schärft den Blick auch für unverändert Gebliebenes. Das Auge springt zwischen den einzelnen Kugelformen hin und her und entdeckt überraschende architektonische Zusammenhänge und Perspektiven, die es vor der Löbbert’schen Manipulation nie bemerkte.

Am Fenster im Obergeschoss bietet sich – als Pendant zur „Stromlinie“ im Innenraum – der „Licht-Blick“ ins Freie, in den Hof des Hauses. Mit spielerischer Leichtigkeit haben die Löbberts die Lampen der Hauswände auf das Dach des niedrigen Anbaus gezaubert. Wie leuchtende Punkte liegen die vier zusätzlichen Lampen auf der grauen Dachpappe und korrespondieren durch ihr loses Arrangement in der Flä­che perfekt mit der präzisen Senkrechten des Stromkabels. Während das Auge innen ruhig und gleichmäßig die „Strom-Linie“ auf und ab wandern kann, springt es draußen unstet hin und her. Die zusätzliche Außenbeleuchtung nimmt mit augenzwinkernder Ironie ihrem ernsten Gegenpol im Innern seine Strenge. Umgekehrt unterstreicht dessen minimalistische Ästhetik die wohlüberlegte Konzeption der Lichter im Freien.

 

Die Ausstellung wurde unterstützt von der VG Bild-Kunst.