Wermke/Leinkauf, Entscheidungen, Berlin 2011, 10-Kanal-Installation, SD-Video, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016

Das Künstlerduo Matthias Wermke (*1978) und Mischa Leinkauf (*1977) realisiert seit 2004 gemeinsame Projekte, die dem Kontext der Aktionskunst zuzurechnen sind. Statt sich in einen Schutzbereich des Ästhetischen zurückzuziehen, arbeiten sie, teilweise hoch riskant, im gesellschaftlichen Raum, in dem Matthias Wermke und Mischa Leinkauf ihre per Foto und Video dokumentierten Aktionen durchführen. Ebenso konsequent wie humorvoll befragt ihre Kunst die uns so selbstverständlichen Strukturen und Funktionszusammenhänge des öffentlichen Raumes.

So dokumentiert das Video Zwischenzeit (2008) eine romantisch-abenteuerliche Draisinenfahrt, die Wermke spät in der Nacht auf dem Schienennetz der Berliner S-Bahn unternimmt. Dem Transfer von Massen, den der öffentliche Nahverkehr täglich leistet, wird die selbstbestimmte (Des-)Orientierung eines Individuums entgegengesetzt, das seinen Weg durch das Labyrinth der städtischen Infrastruktur sucht. Grenzgänger (2006) zeigt eine Aktion im Zentrum von Berlin. Ein nackter Mann steigt im Morgengrauen in die Spree, durchschwimmt den Fluss und steigt auf der anderen Seite wieder ans Ufer. Auf diese Weise wird die repräsentative Schauseite der neuen Hauptstadt historisch aufgeladen, durch die Erinnerung an die Fluchtversuche von DDR-Bürgern, die ihrem Staat zu entkommen suchten.

Die vergleichsweise spektakulärste Intervention starteten sie in der Nacht zum 22. Juli 2014 als sie das Sternbanner auf der New Yorker Brooklyn Bridge gegen eine handgenähte weiße Fahne austauschten. Als Hommage an die deutschen Architekten der Brücke und die Auseinandersetzung der Moderne mit dem ikonischen Bildmuster der Fahne gedacht, gewann die Aktion schnell eine politische Aussagekraft, da sie von amerikanischer Seite als Zeichen der Kapitulation und damit als Provokation der Weltmacht gedeutet wurde. Wohl selten zuvor hat eine künstlerische Aktion einen solchen politischen Nachhall gefunden.

In Bonn wird das Duo seine Dia-Installation Überwindungsübungen vorstellen. In ironisch-humorvoller Weise setzt sie sich mit einem ‚Praxistest‘ der besonderen Art auseinander: DDR – Grenzsoldaten hatten nämlich den Auftrag erhalten zu erproben, wie die Wirksamkeit der Sperranlagen gegen Fluchtversuche zu erhöhen sei. Dabei wurden die teilweise slapstick-artigen Selbstversuche  fotografisch festgehalten. Im Jahr 2015 haben Wermke/Leinkauf diese ‚Überwindungsübungen‘ dann an Reststücken der Mauer wieder aufgenommen, wobei sie nun, im gewandelten historischen Kontext, zu einem Symbol für all die ‚Überwindungsübungen‘ wurden, die Flüchtlinge auszuführen haben um in die ‚Festung Europa‘ zu gelangen.  


29.10. - 11.12.2016
In Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn.